9. Lateinamerikagespräche Hofgeismar: "Lateinamerika und die internationale Drogenpolitik"

Robert Lessmann Dr • 11. Februar 2026

Die Hofgeismarer Lateinamerikagespräche haben einen guten Ruf. Sie sind hochkarätig besetzt und erlauben einen fachkundigen Austausch in angenehmer Atmosphäre. Im letzten Jahr ging es um die aufstrebende politische Rechte in Lateinamerika. Die Buchpublikation dazu kam gerade beim Nomos-Verlag heraus und wird demnächst an dieser Stelle besprochen. Die 9. Tagung, die vom 30.1. bis 1.2.2026 stattfand, hatte „Lateinamerikas neue geopolitische Konstellation: Akteure, Interessen, Konflikte“ zum Thema und bot einen Querschnitt durch die aktuelle politische Situation, die übereinstimmend als so volatil angesehen wurde, dass vorerst noch nicht an eine Buchveröffentlichung gedacht ist. Die Vereinigten Staaten und ihr Präsident waren dabei in Nordhessen ebenso omnipräsent wie das Thema Rohstoffe.

Besondere Aufmerksamkeit wurde naturgemäß dem drogenpolitisch begründeten Vorgehen der Trump-Administration in der Karibik und in Venezuela zuteil, das unter anderem Gegenstand meines Vortrags, „Lateinamerika und die internationale Drogenpolitik“ war; hier einige Auszüge daraus:
  
Dieses stelle, so die Kernthese, für sich genommen beziehungsweise aus drogenpolitischer Perspektive nicht wirklich eine Zeitenwende dar, sondern eine extreme Interpretation des „War on Drugs“, der von Washington seit einem halben Jahrhundert mit unterschiedlicher Intensität geführt wird. Eine Vorliebe für möglichst martialisches und militärisches Vorgehen war nicht nur in den Reihen der republikanischen Partei stets vorhanden, wobei vielfach der Verdacht aufkam, dass es im Grunde um weitergehende strategische Interessen ging – und nicht zuletzt auch um nach innen gerichtete Symbolpolitik. Bei hohen Kollateralschäden für die betroffenen Länder freilich. Bekräftigt wird diese These durch den Umstand der drogenpolitischen Erfolglosigkeit über mehr als vier Jahrzehnte.

Der Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen ist in der Menschheitsgeschichte seit langer Zeit bekannt. Meist war ihr Konsum an bestimmte Rituale gebunden oder Herrscher- und Priesterkasten vorbehalten. Drogenkonsum als rituellen und hierarchischen Kontexten enthobenes Massenphänomen tauchte erst mit der Steigerung des Wohlstands durch die Industrialisierung und die Globalisierung im Zuge des Kolonialismus auf. Internationale Drogenkontrolle war eine Antwort auf den grenzüberschreitenden Charakter des Handels mit psychoaktiven Substanzen wie Opium/Heroin, Kokain und Cannabis – und spiegelte stets auch internationale Machtverhältnisse wider. Das bekannteste Beispiel waren die beiden Opiumkriege (von 1839-1842 und 1856-1860), in deren Ergebnis sich britische Freihandelsinteressen gegen den chinesischen Versuch einer Kontrolle beziehungsweise eines Verbots der Opiumeinfuhren durchsetzten. Nebenbei bröckelte die Hegemonie Chinas im asiatischen Raum und Hongkong wurde britisch.

State of the Art
In der puritanischen Einwanderergesellschaft der Vereinigten Staaten waren „Drogen“ stets als besonders gravierendes und meist von außen in den „gesunden Gesellschaftskörper“ hereingetragenes Problem wahrgenommen worden. Die USA waren es auch, die mit der Haager Opium-Konvention von 1912 das erste internationale Drogenabkommen überhaupt forciert hatten. Doch erst die Single Convention on Narcotic Drugs der UN von 1961 verpflichtete die Mitgliedsstaaten zu umfassenden Verboten. Sie stellt das Basiswerk der internationalen Drogenkontrolle dar, das im Laufe der Jahre erweitert wurde, insbesondere durch die Wiener Konvention von 1988. Sie kennt nicht den Begriff „illegale Drogen“, sondern spricht von „kontrollierten Substanzen“, die auf vier unterschiedlichen Listen geführt werden und damit unterschiedlich strengen Kontrollregimes unterliegen. Ziel ist es, deren Verwendung auf medizinische und wissenschaftliche Zwecke zu beschränken.

Erfolgreich war das nicht. Verteidiger des Status quo sprechen von „no-events“. Schlimmeres sei verhindert worden. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die Zahl der Konsumenten kontrollierter Substanzen steigt kontinuierlich und schneller als das Bevölkerungswachstum. Sie liegt heute mit 316 Millionen auf Rekordniveau. Im Vergleichsjahr 2017 starben daran 585.000 Menschen gegenüber 200.000 – nicht einmal ein Jahrzehnt davor. Die häufigsten Komplikationen gibt es mit Opiaten (wie Heroin) und Opioiden (wie Fentanyl). Von den erwähnten 585.000 Drogentoten starb die Hälfte an unbehandelter Hepatitis C, die zu Leberzirrhose oder Krebs führt. Nach Schätzung des Drogenkontrollprogramms der Vereinten Nationen (UNODC) enden zwei Drittel der tödlich verlaufenden Drogenkarrieren durch Hepatitis C und/oder HIV. Die gesundheitspolitisch schwersten Probleme liegen also bei Menschen, die sich Drogen per Spritze verabreichen, und davon leben die Hälfte in nur drei Ländern: Russland, China und den USA.

Dazu kommt eine Unübersichtlichkeit der illegalen Märkte durch neue, im Labor hergestellte, sogenannte New Psychoactive Substances (NPS). Viele dieser Substanzen tauchen auf – oft auch nur regional – und verschwinden dann wieder. Zwischen 2009 und 2019 wurden dem UNODC 803 neue NPS gemeldet, rund dreimal so viele, wie auf den Listen der Konvention überhaupt erfasst sind. Damit stößt das herkömmliche Instrumentarium über Verbot und Gesetzesvollzug (engl. law enforcement) an seine Grenzen.

Einen Sonderfall stellt hier die Opioid- oder Fentanylkrise dar. Im Jahr 2017 starben in den USA 70.237 Personen allein an Opioid-Überdosen, heute sind es 48.422 (UNODC 2019/2 bzw. 2025). Seit 2008 sind in den USA mehr als eine Million Menschen an Opioid-Überdosen gestorben. In Donald Trumps erster Amtszeit (2017-2021) vervierfachte sich ihre Zahl. Eine wichtige Ursache lag in der exzessiven Verschreibung von Schmerzmitteln in Verbindung mit aggressiver Werbung. Illegales Fentanyl oder noch potentere Nitazene erreichen Nordamerika überwiegend über Mexiko, wo sie aus Zutaten hergestellt werden, die aus China geliefert werden. Der erwähnte Rückgang der Opferzahlen dürfte auf stärkere Kontrollen durch China zurückzuführen sein.

Mit dem umfassenden, prohibitionistischen Ansatz der Drogenkontrolle in Verbindung mit einem bisher unbekannten Nachfragesog in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bildeten sich illegale Vermarktungsketten und mächtige kriminelle Organisationen heraus, die Rechtsstaatlichkeit und Gesellschaft herausfordern. Das geht so weit, dass sie in verschiedenen Zonen Mexikos, Kolumbiens, Amazoniens und in manchen brasilianischen Favelas territoriale Kontrolle ausüben. Im Herbst des Jahres 2011 legte das UNODC eine Studie über Geldwäsche vor, die deren jährliches Volumen auf zwischen 1,2 und 1,6 Billionen USD schätzte, wovon maximal 1 Prozent entdeckt und beschlagnahmt würden, wahrscheinlich eher 0,2 Prozent (UNODC 2011). Das dürfte inzwischen nicht besser geworden sein, doch an einer längst überfälligen Aktualisierung besteht offenbar kein Interesse.

Die internationale Drogenkontrolle war bisher ebenso einseitig wie erfolglos auf die Unterbindung von Konsum, Produktion und Bereitstellung verschiedener Substanzen ausgerichtet. Dabei stellt der illegale Drogenhandel sozusagen das Rückgrat des Organisierten Verbrechens dar – allen voran der mit Kokain, der deutlich besser organisiert und zentralisiert ist als andere Sparten. Man hat Substanzen bekämpft statt Märkte und Personen statt Strukturen.

War on Drugs
Kommen wir zurück zur USA und nach Lateinamerika, von wo der traditionell größte Markt für illegale Substanzen versorgt wird: Seitdem Präsident Richard Nixon den Drogen im Jahr 1971 „den Krieg“ erklärte, war es über Parteigrenzen hinweg ein politisches Tabu soft on drugs zu erscheinen. Bereits unter Nixon wurden kurzfristig mexikanische Marihuanaplantagen mit Pflanzengift besprüht und die Grenzen geschlossen. Im Ergebnis wurden die USA selbst zum größten Cannabis-Produzenten. Während der Präsidentschaft von Ronald Reagan kamen in den 1980er Jahren die südamerikanischen Produzentenländer von Kokain in den Focus, das als Hauptproblem angesehen wurde. Bereits 1981 wurde der Posse Comitatus Act aus dem Jahr 1878 novelliert, wodurch die Grundlagen für einen Einsatz der Streitkräfte im Kampf gegen den illegalen Drogenhandel geschaffen wurden. Border Interdiction hieß die Devise und es wurden sogar Abfangjäger gegen verdächtige Kleinflugzeuge eingesetzt, um die Landesgrenzen zu versiegeln. Vergeblich.

Ab Mitte der 1980er Jahre hieß es: Going to the Source. Mit zwei Anti-Drogen-Gesetzespaketen von 1986 und 1988 wurde der Präsident dazu verpflichtet, eine Liste sogenannter drogenproduzierender und Transitländer zu erstellen, die automatisch von Sanktionen betroffen waren, wenn ihnen das Weiße Haus nicht alljährlich zur Mitte des Finanzjahrs im März bescheinigte, dass sie bei der Drogenkontrolle kooperativ waren. Oft war die Unterzeichnung eines bilateralen Drogenabkommens conditio sine qua non für eine solche certification, worin sehr detaillierte Maßnahmen festgelegt wurden, etwa die Unterzeichnung eines Auslieferungsabkommens oder die Vernichtung einer bestimmten Kokaanbaufläche. Eine doppelte Konditionierung, mit der es Washington sehr weitgehend gelang, seinen drogenpolitischen Diskurs und als geeignet erachtete Maßnahmen durchzusetzen. Die Folge war eine Amerikanisierung und Militarisierung der Drogenkontrolle in Lateinamerika, verbunden mit teilweise schwerwiegenden Eingriffen in die nationale Souveränität: Eingriffe in die nationale Gesetzgebung; Schaffung, Ausrüstung und Training paramilitärischer Spezialpolizeieinheiten; Einbeziehung des Militärs in die Drogenbekämpfung; Tätigkeit von US-Polizei- und Militärpersonal im Gastland auch in leitenden Funktionen; Entführung mutmaßlicher Drogenstraftäter in die USA; temporäre Militärinterventionen in Bolivien (Operation Blast Furnace 1986) und Panama (Operation Just Cause 1989).

Bei letzterer soll es sich um die größte Luftlandeoperation seit dem Zweiten Weltkrieg gehandelt haben, im Zuge derer Machthaber Manuel Noriega gefangen genommen und in die USA gebracht wurde. Elitesoldaten der US Special Forces wurden in den Drogenkrieg einbezogen und der Andenraum mit einem hochmodernen System der Radarüberwachung überzogen. Ab 1999 wurde die Luftwaffenbasis Manta in Ecuador als sogenannte Forward Operation Location des US Southern Command genutzt (2009 unter Präsident Correa geschlossen). Im Rahmen des Plan Colombia wurden in Kolumbien seit dem Jahr 2000 sieben Militärbasen errichtet. Bereits ab 1996 wurden Flugzeuge, die im Verdacht standen, das Zwischenprodukt Pasta Básica de Cocaína von Bolivien und Peru aus zur Weiterverarbeitung nach Kolumbien zu transportieren, zur Landung gezwungen oder abgeschossen. Wie viele Maschinen im Zuge dieser Operation Airbridge tatsächlich abgeschossen wurden, ist nicht bekannt. Sie wurde im Jahr 2001 unterbrochen, nachdem irrtümlich die Cessna einer US-Missionarsfamilie abgeschossen worden war, worauf der Kongress kritische Fragen stellte und intervenierte.

Diese Eingriffe in die nationale Souveränität der betroffenen Länder haben dort zu Protesten und innenpolitischen Auseinandersetzungen geführt. In Bolivien wurde der Chef der machtvollen Gewerkschaften der Kokabauern, Evo Morales,
im Dezember 2005 zum Präsidenten gewählt.

Diese Amerikanisierung und Militarisierung der Drogenkontrolle war von einem Denken bestimmt, das den lateinamerikanischen Ländern den politischen Willen und die Fähigkeit absprach, etwas gegen den Drogenhandel zu unternehmen:
„Irgendwann müssen beide Seiten damit anfangen zu verstehen, dass es zum Beispiel in unseren Beziehungen zu bestimmten Ländern kein anderes außenpolitisches Thema gibt, dass die fraglichen Länder keine Regierungen sind. Nach U.S. Bundesgesetzen würden sie als fortgesetzte kriminelle Verschwörungen gelten.“ (Jack Blum, Special Counsel, U.S. Senate Committee on Foreign Relations in: U.S. Senate Caucus on International Narcotics Control – Seminar July 30, 1987, 1987, S. 5f.)
Damit verbunden waren Plädoyers für möglichst martialische Maßnahmen. So argumentierte der Abgeordnete Henry Hyde aus Illinois: „In Vietnam hatten wir einen unerklärten Krieg. Hier, fürchte ich, haben wir eine Erklärung und keinen Krieg.“ Und weiter: „Ich war vor einigen Jahren dort (gemeint ist Malaysia, R.L.). Zwei Australier wurden am Flughafen geschnappt und hingerichtet. Die Queen von England trat für eine Begnadigung ein. Ich glaube auch der Papst. Aber Malaysia richtete sie hin. Darin liegt eine großartige Therapie.“ (U.S. Congress House Committee on Foreign Affairs – Hearing Sept. 12, 1989, 1989, S. 40f.)
(Beide Zitate wurden von mir übersetzt und hier zitiert nach Robert Lessmann: „Der Drogenkrieg in den Anden“, 2016 S. 59 bzw. 62)

Und heute: „Law Enforcement“ bringt nichts. „You have to blow them up.“ (US Außenminister Marco Rubio auf einer Pressekonferenz im September 2025.)

Die Ergebnisse von vier Jahrzehnten Drogenkrieg unter der Regie Washingtons in Lateinamerika sind mehr als ernüchternd: Die Kokainproduktion, die ausgemerzt oder zumindest eingedämmt werden sollte, liegt heute (Zahlen von 2023) auf einem Allzeithöchststand von 3.708 Tonnen (UNODC 2025). Im letzten Jahrzehnt hat sie sich nahezu verdoppelt. Jener für Kokain ist der am schnellsten wachsende Markt für illegale Drogen. Europa hat die USA in der Bedeutung als Absatzmarkt überholt. Die Vereinigten Staaten bleiben aber Nummer 1 beim Konsum, vor Brasilien. Die Schwerpunkte des Kokaanbaus (Allzeitrekord 376.784 Hektar, UNODC 2025) verlagerten sich in den 1990er Jahren von Bolivien und Peru nach Kolumbien und zwischenzeitlich wieder etwas zurück. Heute hat Kolumbien wieder einen Anteil von rund 70 Prozent an Kokaanbau und Kokainproduktion. Der Anstieg der Kokainproduktion geht hauptsächlich auf Kolumbien (plus 50 Prozent) zurück, während er in Bolivien stabil und in Peru leicht rückläufig ist. Für dieses 

Kokaanbau in Hektar, 2023
Kolumbien 253.000
Peru               92.784
Bolivien         31.000

Quelle: UNODC 2025

Wachstum wiederum sind neu entstandene Hochproduktivitätszonen im Süden des Landes verantwortlich, die sich unter Kontrolle illegaler bewaffneter Gruppen (Grupos Armados Ilegales, GAI) befinden. Durch diese Produktionsverlagerung wurde das ehemals friedliche Ecuador mit seinem Pazifikhafen in Guayaquil als Transitland wichtig, wo es durch Revierkämpfe rivalisierender Gruppen zu einem Anstieg der Mord- und Totschlagsrate von 7,8 (pro 100.000 Einwohner 2020) auf 45,7 (2023 UNODC 2025) gekommen ist.

Drogenpolitik oder Drohnenpolitik? Kanonenbootpolitik in der Karibik
Treibende Kraft hinter der Externalisierung der Drogenbekämpfung im Zuge des „War on Drugs“ war seinerzeit der Kongress, einzelne außenpolitische Interessengruppen und Waffengattungen, die sich nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts um Daseinsberechtigung und Budgets sorgten. Nach 9/11 erfolgte eine Verschmelzung mit dem „War on Terror“. Nur Weltpolizist Uncle Sam leistet sich bereits seit 1978/79 ein Bureau for International Narcotics Control and Law Enforcement Affairs (INL) im Außenministerium, und im Fiskaljahr 2010 erhielten mit Afghanistan (272,5 Mio. USD) und Kolumbien (244,6 Mio. USD) zwei Schlüsselländer im Krieg gegen den Terror zusammen mehr als 50 Prozent des INL-Gesamtbudgets (878,7 Mio. USD).

Mit der gezielten Tötung von Terroristen, Warlords und anderer Widersacher durch Drohnenangriffe (in Afghanistan, Jemen und Somalia) liegt im „War on Terror“ auch die Blaupause für das gegenwärtige Vorgehen gegen mutmaßliche und angebliche Drogenschnellboote in der Karibik, das bis zum 18. Januar 124 Todesopfer gefordert hat. Dazu hat die Trump-Administration reale oder fiktive Drogennetzwerke zu Terrororganisationen erklärt. Bevor der Nachfolger von Osama bin Laden, Aiman az-Zawahiri, am 31. Juli 2022 auf dem Balkon seines Hauses in Kabul durch eine Drohne getötet wurde, sollen auf der Jagd nach ihm allein bis 2015 mehr als 100 andere Personen durch solche signature strikes getötet worden sein, darunter 76 Kinder (Biermann 2015).

Am 8. August 2025 berichtete die New York Times, dass Präsident Trump eine Direktive unterzeichnet habe, um militärisch gegen Gruppen vorzugehen, die seine Regierung als terroristisch einstuft. Im Herbst vergangenen Jahres kam es sukzessive zu einem beispiellosen Aufmarsch der US Marine in der Karibik vor der venezolanischen Küste. Am 13. Oktober 2025 trat Alvin Holsey zurück, der seine Vorgängerin Laura Richardson erst im November 2024 als Chef des dafür zuständigen US Southern Command beerbt hatte. Er war erst kurz vorher zum Admiral ernannt worden und hätte noch zwei Jahre bis zu seinem Dienstende gehabt. Am 2. September hatte Präsident Trump berichtet, dass im Rahmen einer von ihm persönlich angeordneten Operation ein Boot der venezolanischen „Tren de Aragua narcoterrorists“ versenkt worden sei. Am 8. Oktober hatte der Senat mit knapper Mehrheit (48:51) eine Resolution abgewiesen die verlangte, dass militärische Einsätze gegen „narcoterrorists“ vom Kongress genehmigt werden müssten (orf.at/stories/3408760). Zumeist wurden keine Beweise vorgelegt, dass es sich tatsächlich um Drogentransporte handelte – diese wurden ja, sofern vorhanden, beim tödlichen Beschuss vernichtet. Der UNO Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, bezeichnet das Vorgehen als völkerrechtswidrig. Der UNO Sonderberichterstatter für Terrorismus und Menschenrechte, der australische Völkerrechtler Prof. Ben Saul, spricht von Mord, weil von diesen Booten weder eine terroristische Bedrohung für die USA ausgehe noch Krieg herrsche, also auch kein Kriegsverbrechen vorliege.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Januar wurde im Zuge einer Militäroperation mit 150 Flugzeugen und über 100 Todesopfern der venezolanische Machthaber Nicolás Maduro entführt. Eine drogenpolitische Begründung für dieses Vorgehen scheint nicht nur deswegen absurd, weil erst im Dezember der honduranische Expräsident Juan Orlando Hernández von Präsident Trump begnadigt und freigelassen wurde, der im März 2024 von einem New Yorker Gericht wegen Drogenhandels und Waffenvergehen zu 45 Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Die USA sind nach wie vor ein Markt für Kokain, doch die Hauptprobleme haben sie heute mit Opioiden wie Fentanyl. Beides gelangt überwiegend von Mexiko aus über ihre Grenze. Venezuela spielt eine Rolle als Transitland für Kokain aus Kolumbien – insbesondere auf dem Weg nach Europa. Von einer geschätzten Gesamtproduktion von 3.708 Tonnen entfallen auf Kolumbien etwa 2.500 Tonnen, wovon nach Schätzung von Experten maximal 200 bis 250 Tonnen durch Venezuela gehen und davon wiederum 10 Prozent nach Norden Richtung USA. Die verbleibenden 90 Prozent gehen demnach über den 10. Breitengrad (die Fahnder sprechen von highway number 10) nach Westafrika und weiter nach Europa oder gleich direkt dorthin. Eine Besatzung tatsächlicher Drogenboote, die ihre Fracht häufig in einem ersten Schritt nach Trinidad and Tobago bringen, besteht durchschnittlich aus fünf Männern, die dafür vielleicht je 300 USD pro Überfahrt erhalten. Mit ihrer Tötung verzichtet man auf Verhaftung, Beweisaufnahme und Gerichtsverfahren – und damit auch auf Informationen über Drahtzieher und Hintermänner. Angeblich weiß man ja ohnehin schon alles. „Law enforcement“ bringe nichts, sagte Außenminister Marco Rubio auf einer Pressekonferenz dazu: „You have to blow them up“. Das entspricht – etwas zugespitzt – ziemlich genau dem Denken der Protagonisten des „War on Drugs“ in den 1980er Jahren im Kongress. Damals wie heute wird solcherlei Vorgehen an den Drogenproblemen in den Vereinigten Staaten rein gar nichts ändern, aber durch die militärische Kontrolle der Karibik vielleicht den Sturz unbotmäßiger Regierungen dort erlauben.

© Robert Lessmann

Biermann, Kai: „Die zynischen Regeln des Drohnenkriegs“ in: DIE ZEIT, 16.10.2025
Lessmann, Robert: „Der Drogenkrieg in den Anden“, Wiesbaden, 2016
Lessmann, Robert: „Amazoniens Unterwelt“,26.11.2025 in diesem Blog
UNODC jeweils World Drug Report entsprechend der angegebenen Jahre.

Foto: © Robert Lessmann. So stellte man sich die Drogenbekämpfung in Lateinamerika vor. Denkmal in der Basis „Chimoré“ der UMOPAR im bolivianischen Kokaanbaugebiet Chapare. Die Unidad Movil de Patrullaje Rural wurde ab 1986 auf US-Initiative geschaffen, trainiert und ausgerüstet. Schon damals fragte man sich, wozu eine solche Kaserne eine zweieinhalb Kilometer lange Landepiste brauche, die auch für große Transportmaschinen geeignet ist.