Geht Lateinamerika nach rechts?
Mit dem Wahlsieg des ultrarechten Abelardo de la Espriella in Kolumbien ist der Halbkontinent von Patagonien bis an die mexikanische Grenze hinauf rechtsdominiert. Große Ausnahme ist Brasilien, wo am 4. Oktober gewählt wird. Doch rechts ist nicht gleich rechts. Inwieweit und inwiefern geht Lateinamerika also nach rechts?
Vor dreieinhalb Jahren, Anfang 2023, fragte mich der unvergessliche Herausgeber und Chefredakteur Fritz Edlinger in einem Interview für den Youtube-Kanal seiner Zeitschrift „International“: „Geht Lateinamerika nach links?“ Lula hatte in Brasilien die Wahlen gegen den rechtsextremen Jair Bolsonaro gewonnen und einen Putschversuch von dessen Anhängern überstanden. In Kolumbien regierte mit Gustavo Petro erstmals in der Geschichte des Landes ein linker Präsident. Gabriel Boric war seit einem Jahr der jüngste Präsident Chiles. Andererseits war in Peru gerade der Linkspopulist Pedro del Castillo gestürzt worden. Es handle sich also nicht um einen eindeutigen Pendelschlag, war damals das Fazit. Vielmehr tobe andauernd ein heftiger Machtkampf zwischen den Lagern.
Seither hat sich das politische Kräfteverhältnis in sechs von acht Ländern zugunsten rechter, konservativer und/oder wirtschaftsliberaler Regierungen verschoben. In Argentinien regiert schon seit Ende 2023 der rechtslibertäre Mann mit der Kettensäge, Javier Milei. Im März 2026 übernahm in Chile der ultrarechte Pinochet-Bewunderer José Antonio Kast die Macht von der linken Regierung Boric und in Kolumbien setzte sich gerade der ebenfalls ultrarechte Abelardo de la Espriella gegen Iván Cepeda, den Kandidaten der Linken durch, nachdem dort mit Gustavo Petro erstmals in der Geschichte ein linksgerichteter Präsident die Geschicke des Landes gelenkt hatte.
In einigen Fällen waren die Ergebnisse freilich äußerst knapp. Abelardo de la Espriella lag nur weniger als ein Prozent vor Iván Cepeda. In Peru gewann Keiko Fujimori mit hauchdünnen 50,13 Prozent gegen den Linkskandidaten Roberto Sánchez. Und in Chile setzte sich José Antonio Kast in der Stichwahl mit 58 Prozent gegen Jeanette Jara durch, allerdings nachdem diese im ersten Wahlgang stimmstärkste Kandidatin war, was übrigens auch für Daniel Noboa in Ecuador galt, der nach dem ersten Wahlgang noch hinter Luisa Gonzáles gelegen hatte.
Schwache Regierungsmehrheiten
Nur Nayib Bukele (El Salvador) gewann mit einem Ergebnis, das ihm eine klare Regierungsmehrheit verschaffte. Alle anderen sind mehr oder weniger gezwungen, sich Allianzen zu suchen. In Paraguay sind die Konservativen auf die Unterstützung der extremen Rechten angewiesen. In Argentinien ist umgekehrt Javier Milei froh über die Unterstützung durch die konservative Fraktion von Mauricio Macri. Und in Bolivien ist nicht nur das Parteienspektrum divers, sondern diese sind auch noch intern gespalten.
Es gibt also einen Trend nach rechts, keine Frage, doch die Rechte sitzt nicht so fest im Sattel wie sie behauptet. Sie hat unterschiedliche Gesichter und profitiert von der Spaltung beziehungsweise der Unfähigkeit der Linken, die ihr doppeltes Versprechen einer sozio-ökonomischen und einer radikal-institutionellen Emanzipation marginalisierter Gruppen allenfalls teilweise einlösen konnte. Einstige Hoffnungsmodelle und Leuchttürme endeten als abschreckendes Beispiel. Idole mutierten zu Unpersonen, wie Daniel Ortega, Raffael Correa und Evo Morales.
Zweifelhafte Problemlösungskompetenz
Überall stellt sich die neue Rechte als Garant von Sicherheit dar. Sicherheit wird laut Latinobarometer (2024) als zweitwichtigstes Problem nach der Wirtschaftskrise angesehen. In Chile, Costa Rica, Ecuador, Peru und Uruguay wird Sicherheit sogar an erster Stelle genannt. In Mittelamerika praktizieren Guatemala, Honduras und El Salvador mit militärischem Vorgehen und massenhaften Inhaftierungen schon seit Jahren eine Politik der harten Hand gegenüber Kriminellen und Verdächtigen (!), werden aber trotz der Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien der Ausbreitung von Kriminalität und Gewalt nicht wirklich Herr. El Salvador scheint kein Exportmodell zu sein. Nach 800 Tagen Ausnahmezustand und der Militarisierung der Bandenbekämpfung verzeichnet Ecuador die höchste Mordrate seiner Geschichte.
Die genannte Umfrage misst freilich die Angst, nicht das reale Problem. So hat Chile eine der niedrigsten Mord- und Totschlagsraten, doch die Sorge der Bevölkerung ist groß. Mediale Aufmerksamkeit für Gewalttaten und die Ankündigung entschlossenen Vorgehens gegen Kriminalität spielen hier wohl eine Rolle. Die „Politik der harten Hand“ hilft offenbar Wahlen zu gewinnen, obwohl sie in der Praxis eher nicht funktioniert.
Jair Bolsonaro: „Brasil por encima de todo, Dios por encima de todos“.
Die neue Rechte Lateinamerikas zeichnet sich durch einen religiösen Konservativismus aus. In ihren Kampagnen war das Thema Religion von zentraler Bedeutung, selbst für de la Espriella, der in der Vergangenheit als Atheist gegolten hatte. Im Kontext gewalttätiger Gesellschaften bietet der religiöse Glaube ein Gefühl von Aufgehobenheit und Sicherheit. Die Kirche als Institution genießt das höchste Vertrauen, auch wenn die Evangelikalen nach dem Vorbild Nordamerikas im Aufwind sind.
Demgegenüber spielt Ethnonationalismus – wie in Europa – eher keine Rolle. Abgesehen von Kast (Chile) auch nicht das Thema Migration, obwohl gerade Kolumbien in ungeheurem Maße davon betroffen ist. Im Zusammenhang damit wird vielmehr vor einer „Venezolanisierung“ gewarnt, wo seit 2013 ein Viertel der Bevölkerung wegen der Krise das Land verlassen hat.
Politisches Versagen der Vorgänger
In unterschiedlicher Heftigkeit tritt die neue Rechte gegen den Umweltschutz, Geschlechtergleichheit, Diversität, Abtreibung und andere Themen der ‘Progressisten‘ auf. Die Unzufriedenheit mit Vorgängerregierungen hat unbekannten Newcomern und Außenseitern in die Hände gespielt, wenngleich das nicht für alle gilt. So versprach Laura Fernández (Costa Rica) Kontinuität und Keiko Fujimori ist seit Jahrzehnten bestens im politischen Establishment Perus vernetzt. Dagegen konnten mit Javier Milei und Abelardo de la Espriella Figuren mit karnevaleskem Auftreten als Anti-Politiker á la Donald Trump reüssieren. In Bolivien geriet Rodrigo Paz – zwar mit seriöser Erscheinung aber gänzlich ohne politische Basis – seit inzwischen neun Monaten in die Rolle eines Dauerfehlstarters.
Ob sie in der Lage sind, die realen Probleme zu lösen? In der Wirtschaftspolitik, die an erster Stelle bei den Sorgen der Bevölkerung steht, setzen die meisten auf Reduzierung der Rolle des Staats, Privatisierungen und Dollarisierung á la Milei. Doch in unterschiedlichem Maße. So legt beispielsweise Fernández in Costa Rica durchaus auch Wert auf Umweltschutz, während de la Espriella eine Schocktherapie und Fracking wie in Argentinien angekündigt hat. Rodrigo Paz hat in Bolivien hingegen auch Boni für besonders Bedürftige eingeführt. Der politische Diskurs hat sich angeglichen, nicht so die Praxis.
Anti-Politiker für Anti-Politik
Schließlich hat die extreme Rechte Lateinamerikas von der Unterstützung durch Donald Trump sowie durch politische Stiftungen in seinem Umfeld profitiert, die ebenfalls eine Rechtsaußen-Agenda verfolgen. Verschiedene ihrer Exponenten inszenieren sich als Epigonen oder Abziehbilder des 47. US-Präsidenten. Diese Unterstützung hat ihren Preis in einer Verringerung der Autonomie und dem Verzicht auf eine souveräne Außenpolitik. Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA vom Dezember 2025 (vgl. Beitrag "US National Security Strategy: Von der Monroe- zur Donroe-Doktrin" vom 19. Dezember 2025 in diesem Blog) spricht da eine sehr klare Sprache. Ihr zu folgen läuft für die lateinamerikanischen Länder vor allem auf eine Abkühlung der Beziehungen zum wichtigsten Handelspartner, China, hinaus. Unter heftigem Druck aus Washington kündigte die chinesische CK Hutchinson Holding an, ihre Anteile an den Containerhäfen an beiden Enden des Panama Kanals an die US-Investmentgesellschaft BlackRock Inc. zu verkaufen. Im Januar 2026 erklärte der Oberste Gerichtshof Panamas auch die Konzessionsverträge für verfassungswidrig. Bezüglich des peruanisch-chinesischen Megahafens Chancay drohte der US-Sonderbeauftragte mit exilkubanischen Wurzeln, Mauricio Claver-Carone, mit 60-prozentigen Zöllen auf Einfuhren, die die Vereinigten Staaten über diesen Hafen erreichen würden.
De la Espriella hat den Kampf gegen den Drogenhandel mit martialischen Mitteln zu seiner obersten Priorität erklärt und gleich in den ersten Tagen seiner Präsidentschaft ein großes Kokainlabor zerstören lassen, das dem Vernehmen nach von der Guerilla ELN betrieben wurde. Das bedient den Narcoterrorismus-Diskurs Washingtons. Doch auch sein Vorgänger Gustavo Petro konnte mit Rekordbeschlagnahmungen aufwarten. Und beinahe fünf Jahrzehnte Drogenkrieg nach den Vorgaben Washingtons haben keine durchschlagenden Erfolge gebracht. Weder in Kolumbien mit Milliardenausgaben seit dem Jahr 2000 im Rahmen des Plan Colombia, noch neuerdings im Nachbarland Ecuador. Die Produktion liegt auf historischem Rekordniveau.
Auch angesichts dessen steht die Politik Washingtons im Verdacht, dass es dabei vor allem um Demonstrationseffekte geht. Im Vordergrund steht vielmehr der Zugang zu Öl und anderen Rohstoffen sowie Abschiebungen von Migranten – ebenfalls als Effekthascherei mit zweifelhafter Nachhaltigkeit. Venezuela spürt das gerade sehr unmittelbar. Die Vereinigten Staaten haben schon in der Vergangenheit ihre – vorzugsweise bilaterale – Zusammenarbeit an Bedingungen geknüpft und sanktionieren aktuell unbotmäßige Länder, wie Mexiko und Brasilien, mit Zöllen – bei begrenztem Erfolg. Widerstand kann wirksam sein, vor allem, wenn er kollektiv erfolgt. Die bedingungslose Gefolgschaft gegenüber Washington garantiert hingegen keine Vorzugsbehandlung und kann kostspielig sein, wie im Fall der Beziehungen zu China.
Neue Kaiser ohne Kleider
Die neuen Regierungen der Rechten und Rechtsextremen haben die Bühne mit Brimborium und großen Ankündigungen betreten, verfügen aber weder über die Legitimität klarer Wahlsiege, noch über feste Mehrheiten im Parlament, haben keine überzeugenden Konzepte in der Wirtschaftspolitik und zumeist auch keine Regierungserfahrung. Inhaltlich setzen sie auf Themen wie Sicherheit und Drogen, wo sie sich publikumswirksam martialisch in Szene setzen können, wo es aber für sie wenig nachhaltig zu gewinnen gibt.
Dass sie dabei statt auf parlamentarische Mehrheiten auf Regieren per Dekret setzen, Rechtstaatlichkeit, Menschenrechte, Umweltschutz und multilaterale Kooperation eher gering schätzen ist gefährlich, aber durchaus nicht neu. Ebenso wenig wie der notorische Rassismus der Eliten gegenüber Indigenen und ihr Antikommunismus. Viele Phänomene, die Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem Buch als „Elemente des demokratischen Faschismus“* benennen, finden sich auch bei der neuen Rechten Lateinamerikas, die trotzdem nicht in deren Analyserahmen passen will. So braucht sie Pressefreiheit oder andere Freiheitsrechte nicht erst beschneiden, weil sich ein Großteil der Medien ohnehin seit jeher in Händen der Oligarchien befinden, Gerichtsverfahren oft so fragwürdig sind wie die polizeilichen Ermittlungen, von den Zuständen in den Justizanstalten gar nicht zu reden etc. etc. Eine erste Nagelprobe für ihre Problemlösungsfähigkeit kommt mit dem herannahenden El Niño auf sie zu. Zentralamerika leidet bereits unter einer großen Dürre. Der Vormarsch der Rechten ist gefährlich und mag den Fortschritt um Jahre aufhalten. Aber er scheint auch durchaus reversibel, wenn es überzeugende und glaubwürdige Alternativen gibt.
*Carolin Amlinger/ Oliver Nachtwey: „Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus“, Suhrkamp, Berlin, 2025.
© Text und Bild Robert Lessmann
